13 April 2017

De ira >>> ZORNIGE ZEITEN

Die WUT ist überall. Sie ist greifbar und spürbar in der Politik, in den Religionen, unter Kollegen, unter Nachbarn, in der Familie, zwischen ehemals Liebende, zwischen Eltern und Geschwister, in Fußballteams, unter Chefs und Angestellten. 
Nachrichten ohne WUT und Aggressionen sind langweilig und erst Katastrophen sorgen für hohe Einschaltquoten. Unsere Fernsehlandschaft ist reinste WUT-Kultur. In zahllosen Krimis wird in einer Tour gemordet, getötet, gemetzelt und gestorben, was das Zeug hält. Allerorten liegen Leichen, fließt Blut. Gefolterte, geschändete Frauen, aufgehängte, durchbohrte Leiber, explodierende Autos, gezückte Pistolen, tropfendes, sickerndes, fließendes Blut. 
Hasskommentare und shitstorms in sozialen Netzwerken sind zum Alltag geworden. Mit Rufmord-Kampagnen, übler Nachrede und Mobbing-Attacken werden Männer, Frauen und Kinder an den Rand des Wahnsinns getrieben.
 
 
Man könnte meinen, zurzeit wird über alle verfügbaren Mittel WUT geschürt.
WUT auf das Andere, WUT auf das Fremde, WUT auf sich selbst.
Wozu brauchen wir diese allgegenwärtige WUT?
Ist es uns womöglich zu langweilig geworden, weil alles im Leben so geordnet, abgesichert und festgelegt ist?
Oder ist es die versteckte Sehnsucht nach großen Gefühlen? 
 
ROTSEHEN
Video.js | HTML5 Video Player VOM UMGANG MIT DER WUT
 
 
"De ira – Über die WUT"
ist eine schriftliche Abhandlung von L. Annaeus Seneca,
ein römischer Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Politiker und
einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit.
Er wurde ca. im Jahre 4 v.Chr. geboren und hatte augenscheinlich 
schon damals viel mit dem Phänomen der WUT zutun.

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Meine blog-Einträge werden mit Zeichnungen von geflüchteten Menschen begleitet,
die in Hamburg angekommen sind. Sie sind auf
Kunstaktionen vor ihren Notunterkünften entstanden.
Es ist mir eine große Ehre, dass ich dabei fotografieren durfte.
DANKE!
Kinder und Erwachsene aus Syrien, Afghanistan und dem Kosovo
malen gemeinsam von „stürmischen Zeiten“.

25 März 2017

LICHTBLICKE und andere magische Momente

Auf meiner Pilgerwanderung in Spanien vor drei Jahren habe ich mich mit Sirpa aus Finnland angefreundet. Wie durch Zauberhand sind wir uns in den kuriosesten Situationen über den Weg gelaufen – zuletzt zur Abschlusszeremonie in der Kathedrale von Santiago de Compostela. Zwischen hunderten von Pilgern haben wir uns am Ende unseres Weges rein zufällig getroffen und standen gemeinsam zu Tränen gerührt und tief bewegt, um den Gesängen des Chores zu lauschen. Als wir uns voneinander verabschiedeten, wussten wir nicht, ob wir uns wiedersehen werden.
 
Vor einer Woche ist Sirpa aus Finnland zu ihrem Big Camino aufgebrochen. Von ihrem eigenem Zuhause in einer kleinen Stadt bei Helsinki zuerst 25 km bis zum Hafen, um dann mit der Fähre nach Travemünde überzusetzen. Dort angekommen, machte sie am frühen Montagmorgen den ersten Schritt auf ihrer sechs Monate langen und 3500 km weiten Pilgerwanderung quer durch ganz Deutschland, Frankreich und Spanien bis nach Santiago de Compostela. Mitten im Regen.
Gestern ist sie auf ihrem Weg in Hamburg angekommen und natürlich hat sie bei uns eine Herberge gefunden. Wir haben wundersame gemeinsame Stunden verbracht, um uns am heutigen Tag wieder unter Tränen voneinander zu verabschieden.

Das war ein magischer Augenblick. Einmalig und unwiederbringlich. Pilgerschwestern.
 
Magische Augenblicke gibt es auch in der Kunst. Sie kommen wie aus einer anderen Welt, beinahe ohne eigenes zu tun. Plötzlich passt etwas zusammen, ganz leicht, ohne es zu suchen oder zu wollen. Die Aufnahmen aus diese Bilderserie habe ich vor über zehn Jahren gemacht. Solange haben sie warten müssen, um wie durch Zauberhand in einem Gesangbuch ihren Platz zu finden.
 


















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Meine blog-Einträge werden mit Zeichnungen von geflüchteten Menschen begleitet,
die in Hamburg angekommen sind. Sie sind auf
Kunstaktionen vor ihren Notunterkünften entstanden.
Es ist mir eine große Ehre, dass ich dabei fotografieren durfte.
DANKE!

Während der Aktionen verwandeln sich die Tafeln in lebendige,
sich ständig verändernde Leinwände.

15 März 2017

DIE APFEL GALERIE >>> weltweit

Apple hat mit dem iPhone 6 ein Mobiltelefon entwickelt, das sehr gut fotografieren kann. Mit einer bereits prämierten Werbekampagne stellt Apple eben diese Kamerafunktion in den Mittelpunkt: Der Konzern sucht in sozialen Netzwerken gezielt nach Fotografien, die mit dem iPhone 6 aufgenommen worden sind. Die vermeintlich besten Aufnahmen werden in einer iPhone-6-World-Gallery zusammengestellt und auf großen Leinwänden in über 85 Städten weltweit präsentiert.

Die Motive sind atmosphärisch dicht und fokussieren ausdrucksstark den Menschen – unterschrieben sind sie mit dem Satz: Fotografiert mit dem iPhone 6.
Auch hier in Hamburg ist diese Fotografiert mit dem iPhone 6 - Außenwerbungen zu sehen, und immer, wenn ich eine davon entdecke, würde ich sie gerne mit anderen Motiven bestücken. Mit Bildern von Menschen, die hier leben, aber kaum in das Blickfeld gelangen.
 
Das würde dann beispielsweise so aussehen:
Fotografiert mit dem iPhone 6


 
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Meine blog-Einträge werden mit Zeichnungen von geflüchteten Menschen begleitet,
die in Hamburg angekommen sind. Sie sind auf
Kunstaktionen vor ihren Notunterkünften entstanden.
Es ist mir eine große Ehre, dass ich dabei fotografieren durfte.
DANKE! 
Kinder aus Syrien, Afghanistan und dem Kosovo malen gemeinsam
zerstörerische Panzer und ihre Sehnsucht nach einem Zuhause.

09 März 2017

Sinfonie des Zufalls

Wenn etwas wissenschaftlich bewiesen ist, dann kann man sich darauf verlassen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden experimentelle geprüft und bewiesen. Damit ein Experiment seine Aufgabe erfüllt, muss es messbare Ergebnisse liefern, nachvollziehbar, wiederholbar und objektiv sein. Es muss stets zum selben Ergebnis führen, unabhängig von Ort, Zeit und Personen. 
Wissenschaft bedient also unsere tief sitzende Sehnsucht, alles selbstbestimmt und jederzeit wiederholen zu können - und verdrängt gleichzeitig die ebenso tief sitzende Angst vor dem Unerklärlichen, dem Unfassbaren und vor der der Einmaligkeit der Dinge.
 
„Das, wobei unsere Berechnungen versagen, nennen wir Zufall“, sagt Albert Einstein. Demnach ist jeder Tag neben den ganzen (vermeintlich) berechenbaren Geschehnissen auch ein faszinierendes Spiel mit den Mächten des (unwiederbringlichen) Zufalls. Die Kunst besteht darin, den Wert dieser Einmaligkeiten auch zu erkennen.
  
Sinfonie des Zufalls >>> Zufallsprodukte


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Meine blog-Einträge werden mit Zeichnungen von geflüchteten Menschen begleitet,
die in Hamburg angekommen sind. Sie sind auf
Kunstaktionen vor ihren Notunterkünften entstanden.
Es ist mir eine große Ehre, dass ich dabei fotografieren durfte.
DANKE!
  
 
Ein Junge aus dem Kosovo malt eine zornige Sonne
mit schwarzen Strahlen, erdrückt von einem feuerspeienden Regenbogen.

01 März 2017

Heute mal ***NICHTSTUN

Inspiration ist ein Zauberwort. Schon als die Menschheit am Anfang stand, ließ sie sich von der Natur und ihren Mitmenschen inspirieren. So entstanden unzählige Werkzeuge, erstaunliche Kunstwerke, überlieferte Geschichten und das Feuer.

Inspiration ist etwas Schönes, hat aber einen ausgesprochenen Nachteil. Meisten erwischt sie uns beim absoluten NICHTSTUN. Beim einfach-nur-da-sitzen und Löcher-in-die-Luft-starren. Dann kommt möglicherweise irgendwann und komplett unerwartet dieser eine Gedanke, dieses eine Bild oder was auch immer, das uns entführt und uns auf eine Reise schickt, deren Ziel wir noch nicht kennen.
Dabei hat das Nichtstun alias Langeweile einen ziemlich schlechten Ruf. In der Regel wird über Stress geklagt - Arbeitsstress, Freizeitstress, Familienstress. Aber insgeheim ist manch einer stolz auf seinen Stress. Stress adelt, ist Ausweis von Leistung, die an die Grenze geht. Wer Stress hat, ist wichtig. Gelangweilte wissen nichts mit sich anzufangen, "nutzen ihr Potenzial nicht", verschwenden ihre Zeit und ihr Leben.

Das ist eine weit verbreitete Haltung - aber dass diese ständige Betriebsamkeit, Erreichbarkeit und Zielstrebigkeit gute Ideen eher vernichtet als sie voranbringt, ist kein großes Geheimnis. In London gibt es seit 2010 tatsächlich eine jährlich stattfindende Boring-Conference. Gesucht werden auf dieser Konferenz der Langenweile Menschen, die Vorträge zu den langweiligsten Themen der Welt halten. So wird über die "Seriennummern von U-Bahn-Waggons", die "Frühstücksauswahl amerikanischer Kettenrestaurants" und über "Londoner Ladenfassaden" referiert. Wenn man Teilnehmer der Veranstaltungen am Ende danach fragte, wie sie die Konferenz der Langenweile fanden, bekam man die erstaunliche Antwort. „Es war sehr interessant!"

 
Auf den Jakobswegen in Spanien gibt es vielerorts kleine und große Steinhaufen, auf denen Pilger ihre Botschaften hinterlassen haben - Wünsche, Träume, Erinnerungen. Für mich war es ungeheuer inspirierend,
in diesen Hinterlassenschaften nach den Geschichten zu suchen, die sie mir erzählen könnten.

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Meine blog-Einträge werden mit Zeichnungen von geflüchteten Menschen begleitet,
die in Hamburg angekommen sind. Sie sind auf
Kunstaktionen vor ihren Notunterkünften entstanden.
Es ist mir eine große Ehre, dass ich dabei fotografieren durfte.
DANKE!
>>> gemeinsam sein <<<
 

23 Februar 2017

FREIFLÜGE & ZUFÄLLE

Greifvögel gehören zu den scheuesten und wildesten Geschöpfen dieser Erde, und es ist immer wieder faszinierend, wenn ein abgerichteter Greifvogel nach dem Freiflug zur ausgestreckten Faust zurückkehrt. Das Abtragen von Greifvögeln gilt seit jeher als eine besondere Kunst. Im Mittelalter wurde der Falkner tatsächlich als Künstler angesehen und nicht als Jäger.
Die Kunst der Falknerei besteht darin, einen Wildvogel so an einen Menschen zu "binden", dass er ihm freiwillig folgt und ihn als seinen Partner anerkennt. Diese legendäre Partnerschaft zwischen Greifvogel und Mensch muss jedes Jahr aufs Neue ausgehandelt werden, denn nach ihrer Winter- und Mauserpause sind die Tiere komplett ausgewildert und wollen von uns Menschen nichts mehr wissen. Man fängt quasi von vorne an, und es kostet 2-5 Wochen harte Arbeit, bis die Vögel erneut in die Partnerschaft einwilligen. 
 
Ich habe nun das große Glück, gerade in dieser kritischen Zeit als Falknerin in einer Falknerei einen Adler, mehrere Falken, zwei Wüstenbussarden und einen Uhu begleiten zu dürfen - und ihren Weg vom kompletten Wildvogel bis hin zum ersten Freiflug hautnah mitzuerleben.
 
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Bei dem Uhu handelt es sich um genau das pubertierende Uhu-Weibchen,
das hier bereits mehrfach aufgetaucht ist und deren wunderschöne Augen
mich zu der Installation ROTSEHEN verführt haben.
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Mein Lieblingskuscheltier war vor sehr, sehr vielen Jahren ein Teddy, den ich
Bubo nannte. Der lateinische Name des Uhus lautet ebenfalls Bubo Bubo.
Zufälle gibt`s. 
 

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Meine blog-Einträge werden mit Zeichnungen von geflüchteten Menschen begleitet,
die in Hamburg angekommen sind. Sie sind auf
Kunstaktionen vor ihren Notunterkünften entstanden.
Es ist mir eine große Ehre, dass ich dabei fotografieren durfte.
DANKE!
 
Ein Junge aus dem Kosovo erzählt zeichnend von den Dingen,
die er zuhause zurück gelassen hat: seine Schule, seine Freunde.


 

15 Februar 2017

Das Geheimnis einer Minute

In Silikon Valley wird meditiert und Google hat damit angefangen. Um Innovationen zu fördern, stellt Google alle Ingenieure 20 % ihrer Arbeitszeit frei, damit sie an etwas arbeiten, was nicht mit ihren eigentlichen Projekten zu tun hat. Chade-Meng Tan war als einer der ersten Ingenieure bei Google angestellt, und er nutzte seine 20%, um an seinem großen Lebenswunsch zu arbeiten: dem Weltfrieden. 
Daraus entstanden ist  ein Coaching-Programm, an dem alle Google-Mitarbeiter freiwillig teilnehmen können. Ziel dieses 7-wöchigen Achtsamkeitstrainings ist es, meditative Praktiken in den Arbeitsalltag einzubinden, um kreativer, produktiver und ganz nebenbei glücklicher, gesünder und selbstbestimmter zu werden. 
Und es funktioniert. Die Bewertungen derjenigen, die an dem Programm teilgenommen haben, sind überwältigend. Chade Meng Tan hat ein Buch darüber geschrieben, dass in 21 Sprachen übersetzt wurde und dass selbst der Dalai Lama für gut befunden hat.
 
SEARCH INSIDE YOURSELF – SUCHE IN DIR SELBST
 
Meditative Praktiken in den Alltag einzubinden bedeutet keine stundenlange Versunkenheit, wie man sie von buddhistischen Mönchen her kennt. Eine Minute reicht völlig aus. Eine Minute Stille vor einer wichtigen Sitzung, eine Minute bewusst atmen, eine Minute genussvoll essen, eine Minute lang etwas anschauen, als hätte man es noch nie gesehen. Eine Minute, die die Welt verändert und dem Leben eine andere Richtung geben kann.
 
Chade Meng Tan geht sogar noch weiter. Ihm reichen 6 Sekunden.
Zitat: Sechs Sekunden sind genug. Einmal konzentriert ein- und ausatmen.
Wenn du traurig über etwas bist, bist du in der Vergangenheit,
wenn du etwas befürchtest, bist du in der Zukunft,
aber wenn du deine volle Konzentration auf deinen Atem für sechs Sekunden
richtest, dann bist du frei.
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TANZENDE TULPEN in 60 Sekunden:  
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Meine blog-Einträge werden mit Zeichnungen von geflüchteten Menschen begleitet,
die in Hamburg angekommen sind. Sie sind auf
Kunstaktionen vor ihren Notunterkünften entstanden.
Es ist mir eine große Ehre, dass ich dabei fotografieren durfte.
DANKE!
Ein Mädchen aus Syrien malt von ihrer Mittelmeer-Überfahrt
und später vollständig versunken ein ganzes Blumenmeer.

08 Februar 2017

UNTER DIE RÄDER GEKOMMEN - Die Geschichte von Nesrin

Seit vier Monaten begleite ich über eine Hilfsorganisation eine junge afghanische Frau. Damit ihre Anonymität gewahrt bleibt, nenne ich sie hier Nesrin.

DIE GESCHICHTE VON NESRIN
 
Nach ihrer Ankunft in Deutschland vor gut einem Jahr verbrachte Nesrin mit ihrem Mann die ersten Monate in einem leergeräumten Baumarkt im Süden von Hamburg. Danach kam sie in ein überfülltes Containerdorf am anderen Ende der Stadt. Immerhin mit einem abschließbaren Zimmer. Dort besuche ich sie regelmäßig.
Im Herbst letzten Jahres brachte sie eine Tochter zur Welt.
 
Was ich in den letzten Monaten mit Nesrin erlebt habe, hat mich oft sprachlos gemacht. Natürlich waren da ihre Geschichten von der Flucht aus Afghanistan. Sie musste das Land wegen Androhung einer Zwangsheirat und einem innerfamiliären Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten verlassen. Zuerst nach Indien, dann auf Grund von anhaltender Verfolgung über das Mittelmeer nach Deutschland. Trotz allem haben Nesrin und ihr Mann es geschafft, erfolgreich ein BWL-Studium in Neu Delhi abzuschließen.
Beide sprechen fließend englisch und sind erst 23 Jahre alt.
 
Natürlich sind die Erzählungen von Nesrin über die Umstände ihrer Flucht dramatisch. Was mich allerdings vielmehr erschreckt, sind die Bedingungen, unter denen sie jetzt hier in Deutschland leben muss. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, beschreibe ich hier in Eckpunkten aber sehr verkürzt,
was ich seit vier Monaten mit Nesrin erlebt habe.
 
Da Nesrin einen akademischen Abschluss hat und in Indien eine Zeitlang als Dolmetscherin gearbeitet hat, ist ihr hier eine Integrations-Maßnahme speziell für Frauen angeboten worden, an der sie hätte teilnehmen können. Sie bräuchte dazu lediglich eine Bestätigung von der zuständigen Agentur für Arbeit. Um diese Bestätigung zu bekommen, bin ich mit ihr zu der nächstliegenden Agentur gefahren. Dort wurden wir mit unserem Anliegen von einer Sachbearbeiterin zur nächsten geschickt und es hat mich sehr viel Mühe gekostet, dass sich überhaupt irgendjemand zuständig fühlte und sich genauer mit der Integrations-Maßnahme befasst hat. Nach einigen Stunden wurde unser Anliegen an die Zentrale in Hamburg Mitte weitergeleitet. Nesrin sollte auf einen Termin warten, der ihr über den Postweg zugesandt wird. Drei Wochen später hatten wir endlich den erhofften Termin bei einer Sachbearbeiterin, die als kleines Mädchen aus Afghanistan nach Hamburg geflüchtet ist und somit die afghanische Muttersprache Dari beherrscht. Allerdings ist sie selber nie in Afghanistan gewesen und ihr Dari ist so schlecht gewesen, das Nesrin sich nur mit Mühe verständlich machen konnte. Eine Tatsache, die von außen kaum erkennbar war und an der sicherlich viele andere afghanische „Kunden“ verzweifelt sind. Die Sachbearbeiterin hört sich alles an, gab uns ein paar Aufträge mit, die sie für eine Weiterbearbeitung des Anliegens bräuchte. Sie gab uns eine E-mail-Adresse mit, an die wir die erforderlichen Unterlagen dann schicken sollten und entließ uns mit dem Versprechen, sich weiter zu kümmern und einen baldigen, zeitnahen Termin zu vereinbaren. Wir hatten die erforderlichen Unterlagen schnell zusammen. Es stellt sich jedoch heraus, dass die angegebene E-mail-Adresse der Sachbearbeiterin erstens privat und zweitens falsch gewesen ist. Da sie so weder telefonisch noch per E-mail erreichbar war, hatten wir von unserer Seite aus keine Möglichkeit mehr, mit ihr in Kontakt zu treten. Wir mussten darauf warten, dass sie aktiv wird und sich wieder meldet – und das, obwohl die Zeit drängte und die gewünschte Integrationsmaßnahme schon angefangen hatte.
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Die Sachbearbeiterin hat sich nicht mehr bei Nesrin gemeldet.
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Seit der Geburt ihrer Tochter hatte Nesrin starke Schmerzen. Das Sozial-Management ihrer Unterkunft organisierte für sie die notwendigen Arzttermine. Trotz ihrer starken Schmerzen lagen diese aber Wochen entfernt. Ein engagierter Arzt von der Notaufnahme eines Krankenhauses, in das sie aufgrund der anhaltenden starken Schmerzen gehen musste, veranlasste eineMRT, um nach den Ursprung der Schmerzen suchen zu können. Leider hieß es am nächsten Tag, dass ihr Aufenthaltsstatus nur noch bis März gelte und daher auch das MRT bis dahin nicht gemacht werden könnte.
Sie solle trotz ihrer starker Schmerzen einfach abwarten. 
 
Erst nach wiederholten Einlieferungen in die Notaufnahme, bei denen sie jedes Mal eine stundenlange intensiv-intravenöse Schmerzbehandlung bekam, wurde eine Darmspiegelung gemacht. Dabei wurde eine hochgradige Entzündung festgestellt und endlich die richtigen Medikamente verabreicht. Nach drei Monaten Schmerzen.
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Das ist nur ein kleiner Ausschnitt von den Dingen, die ich mit Nesrin erlebt habe. Ich habe mich selten so ohnmächtig gegenüber Ämtern, Ärzten und Behörden gefühlt. So ein Verhalten kenne ich als Deutsche hier in Deutschland nicht. Ich war entsetzt, fassungslos. Aus dieser Fassungslosigkeit heraus entstand die Idee zu der Installation:
 
UNTER DIE RÄDER GEKOMMEN
Visualisierung einer Ausstellung
Beschreibung
Zu sehen sind Aufnahmen im Hochformat von den Orten, an denen ich mit Nesrin gewesen bin. Flure der Agentur für Arbeit, Flure von der Notaufnahmen, Flure von Erstunterkünften, Flure von Wartesälen. Viele Flure überall dort, wo Menschen wie Nesrin nach Hilfe suchen, warten müssen, vertröstet werden.
Hochkant wie die großen Plakate, die für das iPhone 6 werben. Sie sind an vielen Hausfassaden zu sehen mit dem Slogan „Fotografiert mit einem iPhone 6“. Im Internet werden Bilder dieser Kampagne unter der  iPhone 6 world Gallery präsentiert.
Über diese Foto-Aufnahmen werden alte Autoreifen montiert, als Ausdruck des ohnmächtigen Gefühls, buchstäblich „unter die Räder“ gekommen zu sein.
 
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Meine blog-Einträge werden mit Zeichnungen von geflüchteten Menschen begleitet,
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Es ist mir eine große Ehre, dass ich dabei fotografieren durfte.
DANKE!

Viele Kinder und Erwachsene malen und zeichnen Bilder von ihrer Überfahrt in den Westen.
Auch Nesrin ist über das Mittelmehr geflüchtet. Eng aneinandergedrängt,
vollkommen durchnässt und die ganze Zeit schreiend vor Angst.

02 Februar 2017

HEUTE MAL *** die Blumen tanzen lassen

Die meisten großen Taten, die meisten großen Gedanken haben einen belächelnswerten Anfang.
Albert Camus
 

Das Buch der verschollenen Geschichten nannte JRR Tolkien ein kleines Notizbuch, in dem er fantastischen Geschichten aufschrieb. Aus diesem kleinen Notizbuch sollten 20 Jahre später Der kleine Hobbit und 32 Jahre später Der Herr der Ringe hervorgehen. Seine Fantasy-Romane, in denen er vollkommen neue Welten entstehen lässt, setzten Meilensteine und prägen bis heute das Genre der Phantastik. Das Imperium von StarWars, die Zauberwelten des Harry Potter, die Chroniken von Narnia, Fernsehserien wie Game of Thrones und Computerspiele wie World of Warcraft werden von vielen Millionen Fans geliebt, bis ins kleinste Details erforscht und nachgelebt.
Für Tolkien waren Märchen, Mythen, fantastische Erzählungen aber auch die Geschichten aus der Bibel das Lebensthema. Er sah es als seine Aufgabe an, aus der Fantasie heraus komplexe „Sekundärwelten“ zu erschaffen, bevölkert mit Hobbits, Balrogs und Elben. Fantasie war für ihn ein zutiefst menschliches Bedürfnis, das gestillt werden musste. Seine entscheidenden Qualitätskriterien an einen guten Fantasy-Roman waren eine eigenständige, für sich selbst stehende neue Welt und ein erklärtes happy ending, also einen guten Ausgang aus der Geschichte. Er prägte den aus dem Griechischen stammende Begriff  Eukatastrophe, das mit „Wendung zum Guten“ übersetzt werden kann - im Gegensatz zur Katastrophe als „Wendung zum Niedergang“.

In seinem berühmten Vortrag „On Fairy-Stories“ über die menschliche Fähigkeit, Märchen, Legenden und fantastische Geschichten zu erfinden, sagte er: „…Geschichte und Fantasie gehen immer weiter und sollen weiter gehen. … Das Geschenk, das ihm (dem Menschen) überreicht wurde, ist so groß, dass er wohl annehmen darf, durch Fantasie wirklich beitragen zu können zum Schmuck und zur vielfachen Bereicherung der Schöpfung“
 
Gemessen an Tolkiens Qualitätskriterien sind unsere heutigen Nachrichten zum aktuellen Tagesgeschehen überwiegend katastrophenorientiert - auch die der "alternativen Fakten" - und damit ausgesprochen fantasielos.
 
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HEUTE MAL*** die Blumen tanzen lassen
 
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Ein Mädchen aus dem Irak malt eine "blaue Blume".
In der Romantik ist so eine blaue Blume ein zentrales Symbol.
Sie steht für Sehnsucht und Liebe

 

26 Januar 2017

Adlerschwingen und Flüstertöne

Von der Macht des Geistes und der Kraft der Gedanken sind viele Menschen überzeugt. Es gibt weltweit große geistige und spirituelle Führer, die Glück, Erfolg, Gelassenheit, innere Zufriedenheit und Sinn versprechen. Im Stil des „Time“-Magazins, das jedes Jahr eine Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten zusammenstellt, und des “Forbes”-Magazins, das die Mächtigen der Welt in Rangfolge auflistet, veröffentlicht das englische Magazin “Mind Body Spirit” jährlich eine alternative Liste der 100 spirituell einflussreichsten lebenden Personen. Sie reicht vom Dalai Lama über den Papst bis hin zu Paulo Coelho und Marianne Williamson. Allen gemeinsam ist, dass sie Veranstaltungen in riesige Hallen füllen – gerade und komischerweise in Amerika - sie werden zum gefeierten spirituellen Event und spiegeln die Sehnsucht tausender Menschen, ihr geistiges Chaos zu entwirren.
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Die junge Frau, die ich beim Sterben begleite, wird Angesicht ihres Todes immer hellhöriger für Botschaften aus einer vermeintlich anderen Welt. Sie träumt intensiver und lässt Erinnerungen zu, die sie lange verdrängt hat. Erinnerungen an Gestalten, die sie als Kind gesehen an, an Träume, die ihr wichtig sind, an Worte, die ihr zugeflüstert worden sind. Ich schreibe dieser Frau nach unseren Treffen immer „Neue Anfänge“ und schicke sie ihr zu. Das ist ein gewachsenes Ritual und die zugeschickten „Neuen Anfänge“ geben ihr die Möglichkeit, die Dinge um sie herum zu ordnen und weiter oder anders darüber nachzudenken.
 
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Auszug aus „Neuer Anfang Nr. 20:

…  Eigentlich begleiten sie mich schon ein Leben lang. Merkwürdig, dass mir das erst jetzt so richtig bewusst wird. Lange Zeit habe ich es einfach ausgeblendet und Strategien entworfen, um nichts zu bemerken. Aber wenn ich genau hinsehe, dann waren sie eigentlich immer um mich herum, haben mich nie alleine gelassen: Stimmen, Gestalten, Schatten.
 
Als Kind sah ich sie in meinem Elternhaus, aber auch draußen, auf Spielplätzen, Straßen und Wäldern. Meine Umgebung war geradezu bevölkert von Gestalten, die immer vom Boden bis zur Decke reichten. Drinnen waren sie schon groß, draußen wuchsen sie ins Unermessliche. Riesenhafte Gestalten mit großen Köpfen und langen Gliedmaßen, die mich ein bisschen an die alten Wäscheklammern meiner Mutter erinnerten. Mit geschlossenen Augen und Mündern standen sie einfach da, beobachtend. Sie waren mir vertraut. Ihre Anwesenheit beruhigte mich nicht nur, sie gehörten einfach dazu, sie waren normal. Sie waren anders als alles, was ich bisher gesehen habe, aber sie waren wunderschön. Sie begleiteten mein Leben. ...
 
 
 
 
 
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Es ist mir eine große Ehre, dass ich dabei fotografieren durfte.
DANKE!
Ein kleiner Junge malt das Blaue vom Himmel herunter.